Deutsche Gesellschaft für Elektrostimulation und Elektrotherapie e.V. (GESET) [www.geset.de]

Inhalt der ZEE 1/2000

 

 


Myopathien und Neuropathien: Diagnose und Klinik

B. Neundörfer
Neuologische Klinik mit Poliklinik der Universität Erlangen-Nürnberg

Zusammenfassung

Der menschliche Muskel enthält drei unterschiedliche Fasertypen. Der Typ I entspricht tonisch arbeitenden Fasern, die ihre Energie vorwiegend aus Oxydation, der Typ llb schnell kontrahierenden Fasern, die die Energie vorwiegend aus Glykolyse beziehen. Der Typ lla liegt dazwischen. Bei Kontraktion einer Muskelfaser schieben sich die dünnen Aktin-haltigen und die dicken Myosin-haltigen Myofilamente ineinander. Aktin ist über Dystrophin mit membranständigen Glykoproteinen verbunden. Bei Mutation der Gene entstehen Muskeldystrophien. Die peripheren Nerven übertragen den elektrischen Impuls auf den Muskel. Dies geschieht über die Ausschüttung von Acetylcholin in den synaptischen Spalt an der neuromuskulären Endplatte. Das Erkrankungsspektrum neuromuskulärer Erkrankungen reicht von Muskelerkrankungen (Muskeldystrophien, Dystrophia myotonica, Myotonien, metabolische und endokrine Myopathien, entzündliche Muskelerkrankungen, myasthenische Syndrome) über Motoneuronerkrankungen (progressive spinale Muskelatrophien, amyotrophe Lateralsklerose) bis zu den Polyneuropathien.

 

Schlüsselwörter: Neuromuskuläre Erkrankungen, Myopathien, Neuropathien, Polyneuropathie
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Elektrotherapie bei Myopathien und Neuropathien

T. Mokrusch
Hedon-Kinik, Lingen

EIN KURZER LITERATURÜBERBLICK (I)
Zusammenfassung

In der Behandlung und Rehabilitation von Myopathien und Neuropathien kommt die Elektrotherapie seit Jahrzehnten immer wieder zum Einsatz, und zwar im wesentlichen mit Stimulationsformen aus dem Niederfrequenzbereich. Es gibt bislang zu diesem Thema jedoch nur eine Handvoll Publikationen. Die wenigen veröffentlichten Untersuchungen befaßten sich im wesentlichen mit den Auswirkungen von konventioneller Niederfrequenz-Myostimulation (Impulsbreite 50-300 µs, Frequenz 5-30 Hz) auf die Kraftentwicklung und die Trophik der betroffenen Muskulatur.
Sowohl die Elektromyostimulation alleine als auch die Kombination von Elektrostimulation mit gewichtsunterstütztem Willkürkontraktions-Training erwies sich nicht nur an Patienten mit Muskeldystrophien, sondern auch bei der spinalen Muskelatrophie als sicher wirksam. Kriterium war der Kraftaufbau am M. quadriceps, festgestellt wurde dies tendenziell auch am M. tibialis anterior, wobei die Therapie- und Beobachtungszeiten am Erwachsenen zum Teil weit länger als ein Jahr waren. Die Therapieansätze an Kindern mit Duchenne'scher Muskeldystrophie zeigten ähnliche Ergebnisse mit Beobachtungszeiten über mehrere Monate, wobei als wesentlicher Effekt eine Kraftzunahme am M. quadriceps festgestellt wurde. Als wirksame Frequenz wird bei Kindern 8 Hz genannt, bei Erwachsenen 30 Hz. Auch wenn sämtliche Studien zu kurz angelegt waren, um den Langzeitverlauf über viele Jahre realistisch beurteilen zu können, so wird anhand der ermutigenden positiven Kurzzeit-Ergebnisse doch angenommen, daß zumindest eine Verzögerung im gesamten Krankheitsverlauf erreicht werden kann.
Will man den Einfluß der Elektrotherapie auf den kranken Muskel oder auch eventuelle Nebenwirkungen erfassen, so ist der Serumspiegel des Enzyms Kreatinkinase (CK) des Skelettmuskels hierfür ein brauchbares Kriterium. In einer eigenen Untersuchung zeigte sich, daß Patienten mit neurogen bedingten Paresen keine signifikanten Veränderungen der CK aufwiesen, während sich bei Myopathie-Patienten zum Teil erhebliche Anstiege der CK fanden, und zwar sowohl unter Krankengymnastik als gleichermaßen auch unter Elektrotherapie. Interessanterweise zeigten sich diese Veränderungen jedoch nicht nur unter Schonung rückläufig, sondern auch unter kontinuierlicher Beibehaltung der Therapie, sofern diese moderat durchgeführt wurde.
Bei Neuropathien konnte die klinische Beobachtung bestätigt werden, daß eine konventionelle Myostimulation im Niederfrequenzbereich generell fordernd auf die Trophik wirkt. Eine konventionelle TENS konnte neuropathische Schmerzen in 80% der Fälle positiv beeinflussen.
Insgesamt kann beim derzeitigen Kenntnisstand gesagt werden, daß die klinische Wirksamkeit einer Elektrotherapie von Myopathien und Neuropathien bislang nur an einer kleineren Zahl von Patienten bewiesen wurde, und dies sollte Anlaß sein, mit Hochdruck an umfangreicheren Studien zu arbeiten, denn es spricht vieles dafür, daß die Niederfrequenz-Myostimulation bei diesen Krankheitsgruppen ein wertvolles Therapiemittel darstellt. Unter Therapie sollten regelmäßige Kontrollen der CK durchgeführt werden.

 

Schlüsselwörter: Elektrostimulation, Elektrotherapie, Muskel, Myopathie, Neuropathie
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Ultraschalltherapie: sicher - problematisch - fraglich

U. C. Smolenski
Institut für Physiotherapie, Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Zusammenfassung

Ultraschalltherapie ist die Anwendung von hochfrequenten Schallschwingungen (um 1 MHz), die mittels elektromechanischem Wandler erzeugt werden. Die kritische Wertung der pyhsikalisch-biologischen Wirkungen und die spezifische Applikationstechnik bedingt eher eine symptombezogene als indikationsbezogene Therapiestrategie des Ultraschalls. Diese beruht im wesentlichen auf der spezifischen thermischen Wirkung mit der therapeutischen Zielstellung der Schmerztherapie, Muskeleutonisierung, Indurationsabnahme und prokinetischen Wirkung.
Trotz begründbarer Wirkmechanismen und eines fast 60jährigen Einsatzes in der Praxis wird die Ultraschalltherapie derzeit erneut kontrovers diskutiert. Obwohl viele Fragen der Wirksamkeit der Ultraschalltherapie offen sind, muß nach jetzigem Kenntnisstand und der Therapieerfahrung eine Wirksamkeit angenommen werden. Sichere, problematische und fragliche Ultraschallwirkungen werden diskutiert und Lösungswege aufgezeigt.
Die weitere Forschung der Ultraschallwirkungen und damit der therapeutischen Wirksamkeit sollte sich auf wenige definierte Applikationen des Gleichultraschalls beschränken und mit kontrollierten klinischen Studien und sinnvollen experimentellen Untersuchungen diese Fragen klären.

 

Schlüsselwörter: Physikalische Therapie, Ultraschall, Wirkung
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Elektrotherapie bei zentralen Lähmungen

K. Vogedes
Schule für Physiotherapie am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf

Zusammenfassung

Nach wie vor wird die Behandlung zentraler Lähmungen mit der Elektrotherapie in Deutschland nur selten durchgeführt. Für viele Ärzte und Therapeuten ist die Behandlung einer zentralen Schädigung immer noch eine absolute Kontraindikation für das gesamte Spektrum der Elektrotherapie.
Es hat aber in der Vergangenheit sowie auch in neuerer Zeit immer wieder Versuche gegeben, die Elektrotherapie als festen Bestandteil der Behandlung zentraler Störungen zu etablieren. Erwähnt sei hier das 2-Kreisverfahren des Spasmotrongerätes nach Hufschmidt (1966) und in neuerer Zeit die EMG-getriggerte Elektrostimulation.
Auch heute noch hat Bedeutung, was der Altmeister der Elektrotherapie Dr. Hans Jantsch in seinem Buch »Niederfrequente Reizströme« über die Behandlung spastischer Lähmungen schreibt:
»Daß die Elektrotherapie der spastischen Lähmungen besonders im Kreise der Neurologen oft energische Ablehnung erfahren hat, beruht darauf, daß es sich um eine hochdifferenzierte Methode handelt. Nur wenn der Therapeut mit Sorgfalt darauf achtet, daß der Tonus nicht noch weiter ansteigt, können Mißerfolge und Schädigungen vermieden werden. Der Strom an sich ist nicht das Heilmittel, sondern die vom Strom im Patienten ausgelöste Reaktion. Unbedachtes Elektrisieren kann Schäden verursachen«.
Um den Stellenwert der Elektrotherapie bei zentralen Schädigungen zu verbessern, bedarf es:
1. einer weiteren gezielten Forschung,
2. einer wissenschaftlichen Erprobung der einzelnen Verfahren,
3. der Weiterentwicklung entsprechender Geräte durch die Industrie,
4. der Schulung und Information der verordnenden Ärzte und der anwendenden Therapeuten. Zu letzterem soll diese Arbeit einen kleinen Beitrag leisten.

 

Schlüsselwörter: Elektrotherapie, Tonusregulation, Myofeedback, Mittelfrequenz, TENS, EMG-getriggerte Elektrostimulation
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Paravertebrale niederfrequente Muskelstimulation als Zusatztherapie beim Parkinson-Syndrom

A. E. Henneberg, E. Dimaki, P. Duisberg
Parkinson Klinik, Bad Nauheim

Zusammenfassung

Eine paravertebral angewandte 50 Hz Muskelstimulationstherapie wurde auf ihre Wirksamkeit auf Nackenrigor und Vorneigung bei 180 Parkinson-Patienten überprüft. Es zeigte sich nicht allein Besserung in der Aufrichtung, sondern auch im nachhinein deutliche Besserung des psychopathologischen Zustandes der Patienten. Genauere Kriterien, die objektivierbar sind, wurden erarbeitet und werden vorgestellt. Eine Erweiterung der untersuchten Patientengruppe mit Langzeitüberprüfung der Wirksarnkeit der Therapie und anschließender Doppelblindstudie sind erforderlich.
Schlüsselwörter: Niederfrequente Elektrostimulation, Parkinson-Syndrom, Anteversion, akustische Halluzinationen
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Magnetpulsstimulation als Zusatztherapie für das Parkinson-Syndrom und das Steele-Richardson-Olszewski-Syndrom

A. E. Henneberg, I. Schöll, A. Luetkens
Parkinson Klinik, Bad Nauheim

Zusammenfassung

Die Magnetpulsstimulation (MPS) ist eine niederfrequent pulsierte Magnetfeldtherapie im picoTesla-Bereich, die wir bei über 200 Patienten mit Parkinson-Syndrom und verwandten extrapyramidalen Störungen angewendet haben. Wir berichten hier über erste Ergebnisse, wobei wir bei Berücksichtigung der UPDRS III, einer anerkannten Parkinson-Skala, eine durchschnittliche Verbesserung der Motorik unserer Patienten von 31% erreichen. Bei Patienten mit gutem Erfolg dieser Anwendung ist eine Langzeittherapie denkbar, zuvor sind allerdings placebokontrollierte Studien zu fordern. Abgesehen von EEG-Veränderungen, die sich bei Unterbrechung der Therapie nach bis zu 14 Tagen zurückbilden, konnten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen der Therapie beobachtet werden.

 

Schlüsselwörter: Parkinson-Syndrom, Steele-Richardson-Olszewski-Syndrom, Magnetpulsstimulation, MPS, Zusatztherapie
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